Absurditäten in der Hunde-Erziehung: Der “Schnauzen-Griff”
Erstellt von Claudia am Montag 22. Dezember 2008
Momentan geistert ein alt-neues "Allheilmittel" durch die Hundeerziehungswelt: Der "Schnauzengriff". Da er in aller Munde zu sein scheint und ich selbst sehr vernünftige Menschen damit irgendwie "herumhantieren" sehe, möchte ich hier mal meine Beobachtungen und Sichtweise darlegen.
Ich beobachte schon seit längerem Hunde im Zusammenleben und der Aufzucht von und mit Welpen aller Altersklassen und vielerlei Rassen und deren Mischlinge. Im Grunde ist mein Heim nie ohne wenigstens einen Welpen, der in Not geraten ist. Vielleicht können meine Beobachtungen und die Rückschlüsse, die ich aufgrund dessen gewonnen habe, einigen "Schnauzengreifern" Denkanstösse vermitteln oder Menschen gar nicht erst zu "Schnauzengreifern" werden lassen.
Zunächst einmal für die Ahnungslosen: Was ist eigentlich ein Schnauzgriff?
In den Hundeschulen wird der Schnauzgriff als Griff von oben über die Schnauze mit mehr oder weniger großen Druck (je nach Veranlagung und Brutalität des Hundetrainers) gegen die Lefzen auf die darunter liegenden Zähne gelehrt. Einige Trainer meinen, bei einem "erfolgreich" und korrekt ausgeführten Schnauzengriff müsse der Welpe laut aufschreien, denn nur so sei es richtig. Ich persönlich stufe den Schnauzengriff als körperlichen Übergriff auf ein empfindliches und äußerst sensibles Körperteil des Hundes, nämlich den Fang, ein.
Abgeleitet wird der Schnauzengriff von etwaigen Beobachtungen der Mutterhündin mit ihren Welpen. Im Internet offenbaren sich Horror-Szenarien und Beschreibungen. Es heißt beispielsweise: "Die Mutter geht mit ihrem Fang quer über die Schnauze ihrer Jungen und beißt oder kneift kurz zu."
Meine Güte, was ist das für eine Brutalität in der Aufzucht! Gar nicht auszudenken, was bei einer derartigen wochenlangen Aufzucht und Maßregelungen für Hunde entstehen! Ich habe im Zusammenleben von Hunden mit Welpen noch nie eine Hündin gesehen, die ihren Jungen in den Fang beißt – noch nie! Im Gegenteil, die Hündin ist zumeist äußerst geduldig und ihren Nerven weitaus strapazierfähig.
Ich kann bestätigen: Es gibt ein "Über-den-Fang-Greifen". Es ist jedoch eher ein sanftes, nachdrückliches "Stupsen", wenn die erste ebenfalls sanfte Verwarnung oder der Versuch des Abdrängens der Welpen, z. B. von den Zitzen nicht ausreicht. Oft kommt vorher ein Knurren und der Welpe hat zunächst noch einmal die Chance, selbst zu reagieren. Erst wenn die Welpen ca. 7 Wochen alt sind und mitunter etwas zu energiegeladen ältere Gruppen-Mitglieder belästigen, wird der Schnauzengriff schon mal energischer, jedoch keinesfalls so, dass der Welpe laut und massiv und nachhaltig aufschreit.
Irgendwann im Verlaufe der Zeit werden die Schnauzgriffe immer seltener und es reichen zumeist die ganz normalen altbekannten innerartlichen Kommunikationsmittel. Es ist albern und absurd, Ihren fast erwachsenen oder erwachsenen Hund mit einem Schnauzengriff zu maßregeln. Mal ehrlich, würden Sie Ihren Ehemann oder Ihre Ehefrau auch mit Stuben-Arrest oder Fernseh-Verbot belegen?
Es ärgert mich immens, wenn Leute, die noch niemals Mutter und Welpen aufgezogen und beobachtet haben, vorschnell solche Erziehungsmittel übernehmen, anderen kluge Ratschläge erteilen und dann auch noch tönen: Das macht doch die Mutterhündin auch so mit ihren Welpen. Bitte fragen Sie künftig diese Leute, die Ihnen zum Schnauzengriff raten, woher sie ihre Erfahrungen beziehen. Wieviele Welpen mit ihren Müttern sie schon in der kompletten Zeit der Aufzucht beobachtet haben? Fragen Sie nach!
Mehrere Probleme gibt es, über die die "Schnauzengreifer" nachdenken sollten:
Der Schnauzengriff wird von der Mutter nach meinen Beobachtungen stets nur dann eingesetzt, wenn etwas "zuviel" oder "übermäßig" ist, insbesondere beim Erlangen der Zitzen, bei all zu stürmischen, aufdringlichen Spiel u. ä. Niemals habe ich das Über-den-Fang-greifen beobachten können, weil ein Hund nicht richtig "Sitz" macht oder in der Tierarztpraxis nicht brav neben mir sitzen bleibt. Der Schnauzengriff ist also KEIN Korrekturmittel für unerwünschtes Verhalten, sondern er dämpft vielmehr einen situationsbezogenen Überschwang.
Wenn Sie den Schnauzengriff bei Ihrem erwachsenen Hund einsetzen, so bitte ich Sie, mal darüber nachzudenken, wie oft Sie selbst den praktizierten Schnauzengriff bei erwachsenen Hunden beobachten konnten? Gar nicht oder äußerst selten? Aha, und warum glauben Sie, dass dies das geeignete Korrekturmittel für Ihren Hund ist?
Schnauzenspielereien, Schnauzenzärtlichkeiten sind übrigens etwas völlig anderes als der Schnauzengriff …
Ich oute mich an dieser Stelle als "Anti-Schnauzen-Greifer". Ich bin keine "Mutter-Hündin" und bilde mir weder ein, den richtigen Zeitpunkt für einen Schnauzengriff zu kennen, noch den richtigen Druck auszuüben. Ich bin nämlich nur ein Mensch.
Mit welcher Arroganz wir gerade in der Hundeerziehung Mittel aus dem innerartilichen Repertoire übernehmen, ist unglaublich. Wir erdreisten uns, unsere Hunde mit Schnauzengriff und Alphawurf zu belegen und lassen aber diejenigen Hunde sofort einschläfern, die mit ebensolchen innerartlichen Mitteln (Aggression) antworten oder sich dagegen zu wehren versuchen. Wie absurd ist das denn? Mit Fairness hat das nichts zu tun und mit Vertrauen, Bindung und Sicherheit erst recht nicht.
(Copyright by Claudia Hauer, 1. Vorsitzende des TSV Welpennothilfe e. V., Weitergabe, Vervielfältigung unter Angabe der Quelle und der Autorin)




Montag 22. Dezember 2008 um 11:52
Was für wunderschöne Bilder =)
Montag 22. Dezember 2008 um 12:49
Bravo, Claudia und ich hoffe das dieser Text von vielen Menschen gelesen, sowie
weitergeleitet wird. Hunde haben es in der heutigen Zeit so schwer, weil viele versuchen ihr fatales HALBWISSEN zu verbreiten, und dieses WISSEN dann auch noch in voller brutaler
Überzeugung anwenden !!
eine ANTI-SCHNAUZEN-GREIFERIN aus tiefster Überzeugung !!
Juliana
Montag 22. Dezember 2008 um 13:43
… interessant! Ich habe schon andere Beobachtungen gemacht und auch andere Argumente gehört.
Richtig ist – jeder muss selber nachdenken und seine Schlüsse daraus ziehen…
Eine die schon paar Schnauzengriffe anwenden musste, da alle vorhergehenden Kommunikationsmöglichkeiten nicht ankamen.
LG Sandra
Dienstag 23. Dezember 2008 um 07:34
… sorry Sandrinchen, an dieser Stelle kann ich Dich wirklich nicht ernst nehmen. Du hast Null Erfahrung in der Aufzucht geschweige denn in der Beobachtung von Müttern/Ersatzmüttern und Welpen gemacht, die jünger sind als 8 Wochen. Deine “Beobachtungen” können sich lediglich auf die vereinzelten Junghunde (fünf?) und Deine eigenen Hunde beziehen, die keinesfalls Maßstab sind für stetes artgerechtes Verhalten …
Du bist für mich niemand, der über “richtig” oder “unrichtig” urteilen könnte, wenn sich Deine Argumente ausschließlich auf das “Hören anderer Argumente” bezieht … Genau an solche Menschen richtete sich dieser Artikel: “Ich hab da mal was gehört …”
Betroffen macht mich, dass ein Mitglied und eine Pflegestelle von uns für den Schnauzengriff offen propagiert, andere gar ermutigt, seinen Hund mal in dieser Form zu “züchtigen”. Darüber müssen WIR noch einmal nachdenken. Unser Verein tritt für die Erziehung OHNE aversive Reize oder Übergriffe ein. Unser Verein stützt sich auf einen fairen, liebevollen und vertrauensvollen Umgang mit Pflegehunden – gerade weil es um Tierschutzhunde geht, die das Vertrauen zum Menschen zumeist verloren haben. Sollte sich da etwa was geändert haben?
Ich weiß nicht, ob meine Kommunikationsmöglichkeiten nun zum wirklichen Verstehen des Artikels geführt haben, wenn nicht, verzichte ich trotzdem auf den Schnauzgriff auf Deine Person, sondern versuche es vielleicht mal mit einem persönlichen Gespräch, mit Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufklärungsmitteln
Genauso wie es vielfältige Kommunikationsmittel mit dem Hund gibt, die einem guten Trainer (oder angehenden Trainer) nie ausgehen sollten …
LG
Claudia
Dienstag 23. Dezember 2008 um 18:36
Thema Schnauzengriff.
Es ist für mich ganz neu,dass dieser Griff immer noch angewendet wird.Ich lernte ihen im Schäferhund Verein
kennen und habe miuch vehement dagegen verwahrt,ihn bei meinem
Schäferhund anzuwenden.
Es ging auch ohne !!!
An dieser Stelle wünschen wir allen Mitgliedern und Pflegestellen geruhsame u erholsame Feiertage
Dienstag 23. Dezember 2008 um 20:23
Hallo,
also ich denke ich habe auch zu wenig Beobachtungen in diese Richtung anstellen können um ein verlässliches Urteil abgeben zu können.
Allerdings denke ich das es bei einem Hund wie Sira verheerende Folgen gehab hätte wenn man in irgendeiner Form versucht hätte mit Gewalt zu erziehen.
Grade in der Kopfregion war sie sehr empfindlich, allein das anfassen der Schnauze (auch ohne sie zu bewegen oder Druck auszuüben) war ihr sehr unangenehm und der einzige Weg was zu ereichen, war bei ihr viel Geduld aufzubringen um Vertrauen aufzubauen, jegliche Form von Gewalt hätte dieses Vertrauen sofort wieder zerstört.
Ich kenne mich mit den Erziehungsmethoden der Hundeschulen nicht so gut aus, habe jedoch schon des öfteren gehört das der Schnauzengriff eingesetzt wurde um sich “Respekt” beim Hund zu verschaffen und denke das dass nicht nötig wäre wenn der Hund gelernt hat das der Mensch nicht sein “Herr” sein muss, sondern sein Partner sein darstellen kann.
So oder so ich bin auch kein Fan vom Schnauzengriff, hab ihn noch nie angewandt und wüsste auch nicht in welcher Situation ich es tun sollte…
Liebe Grüße
Juliane
Donnerstag 14. Mai 2009 um 14:06
Hallo,
prima Beitrag. Ich finde es auch schade, dass so wenig Leute sich über die Folgen Gedanken machen. Das Motto “Ach ist doch net so schlimm!” hört man überall und immer wieder. Schade, dass Hundeerziehung auf modernerer, sanfterer Basis selten Anklang findet.