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Pamuya & Onawa ./. Mr. Nugget oder Warum nicht alle Welpen eines Wurfes gleich sein müssen

Erstellt von Claudia am Mittwoch 16. April 2008

Einige Leser haben sich sicher bereits gefragt, wie es sein kann, dass Hunde aus derselben Lebenslage und desselben Wurfes so konträre Verhaltensweisen zeigen wie die „Speicher-Welpen“.

Sie haben Mr. Nugget in den Artikeln der Pflegestelle als aufgeschlossenen, durchaus neugierigen und offenen Junghund kennen lernen dürfen. Onawa und Pamuya hingegen als in ihrer Umwelt sehr panisch und fluchtbereit reagierende Hunde, die zu allem Überfluss erst nach ernsthaften und ausgiebigen Bemühungen bereit sind, sich streicheln zu lassen.

Was ist da los? Wie kommt das? Haben wir es hier mit einem „Übertreibungs-Spleen“ der kompletten Hauerschen Pflegefarm zu tun? Oder greift gar ein Virus, genannt „Profilierungssucht“ oder das Bakterium „Selbstdarstellung“ um?

Ich möchte im Folgenden für die Interessierten versuchen, ansatzweise zu erklären, worin die Ursachen dieser Verhaltensunterschiede liegen. Obwohl ich mich nur auf das Grobe konzentrieren will, lässt sich dies nicht in ein, zwei Sätzen abhandeln.

Was sind die Basisfakten? Wir gehen davon aus, dass alle sechs Speicherwelpen in weitestgehender Isolation von Mensch und Umwelt sechs lange Lebensmonate in einem Speicher gehalten wurden. Einmal wöchentlich kam ein Junge vorbei, der hier und da auch mal direkten Kontakt zu den Welpen aufnahm. Er brachte der Großfamilie bei seinem Kurzbesuch etwas Futter vorbei. Ab welchem Zeitpunkt genau dieser Junge in Erscheinung trat, ist unbekannt. Soweit die Ausgangslage.

So stellen wir uns diese Situation einmal gedanklich vor: Isolation – einmal wöchentlicher Menschenkontakt. Die Hunde gieren nach Futter, sind ihre Leiber doch schon nahezu ausgemergelt. Die ganze Woche darben, bis sich irgendwann einmal, zumeist am Wochenende die Tür öffnet und Futter in die überaus dreckigen Näpfe getan wird. Lassen Sie es drei, vier Näpfe sein, die da standen. Jedoch bestimmt nicht für jeden Hund einen. Naturgemäß setzen sich die Stärksten durch und Hunde wie Mr. Nugget und ein weiterer Bruder (bei der Pelznasenhilfe, bereits vermittelt) stürzen sich auf das Fressen, bereit, jedes Mitglied ihrer Gemeinschaft notfalls mit Einsatz der Zähne wegzubeißen. Die Starken können sich weitestgehend satt fressen, einmal wenigstens, in der langen Woche. Die anderen Geschwister müssen sich mit den kargen Resten begnügen, die schon lange nicht mehr reichen, um Energien für neugierige Spiele, Erkundungen oder Sonstiges zu sammeln. Die Energien reichen gerade mal, um das flackernde Licht des Lebens mehr schlecht als recht aufrecht zu erhalten.

So konnten wir schon bei der Ankunft sehen, dass Mr. Nugget nicht besonders unterernährt war. Ja, es hätte besser sein können und das Futter war gewiß auch minderwertig, wie an seiner Fellbeschaffenheit zu erkennen war, aber er hatte wenigstens etwas auf den Rippen. Pamuya und Onawa hingegen waren in einem Ernährungszustand, den sie mit Sicherheit nicht mehr lange durchgehalten hätten. Sie erinnern sich, ihre Mutter ist während der Rettungsaktionen verhungert. Eine Woche bis vierzehn Tage hätte ich den beiden Schwestern ernährungstechnisch noch gegeben.
Mr. Nugget hatte eine Verletzung auf seinem Fang, was für meine These spricht, denn sie weist auf die Verteidigung seines Futters hin. Er war der Durchsetzer, nicht der Verlierer.

Spinnen wir nun den Faden weiter: Was macht so ein junger Welpe oder Jungspund, der sich halbwegs gesättigt sieht und voller Tatendrang steckt, der im langweiligen Speicher kaum befriedigt werden kann? – Er erkundet und erforscht Neues. Was liegt näher, als Kontakt mit demjenigen aufzunehmen, der ihm gerade kürzlich das Fressen brachte? Und so kommt ein junger Mr. Nugget in den Genuss, eine streichelnde menschliche Hand zu spüren. Oh wie positiv, mag er denken: Futter = Mensch = angenehme menschliche Berührung. Fein. Zwar nicht die optimale Prägung, aber immerhin etwas.

Wie sieht es nun mit Pamuya und Onawa und zwei weiteren Wurfgeschwistern mit selben Verhaltensweisen aus? Wir erinnern uns: Sie sind stark unterernährt, lauern auf ihre Chance bei der Fütterung, die sich erst lange nach dem Austeilen des Fressens ergibt. Es vergehen Minuten und Minuten. Dann, nach einer Ewigkeit, während Mr. Nugget schon fröhlich beim kleinen Jungen rumturnt, dürfen sie sich an verspritzte Futterreste machen und die Näpfe auslecken, denn die Starken sind satt. Diese vier Wurfgeschwister dürften schon allein aufgrund des Zeitraumes den Menschen kaum noch in Verbindung mit dem Futter bringen. Denken wir daran, wie Lernen oder Konditionierung bei Hunden funktioniert: Handlung, Reiz, Befehl etc. – sofortige Belohnung oder „Strafe“. Unsere „Looser“ lernen in jenen Situationen lediglich eines: Abwarten, um zu überleben. Warten lohnt sich.

Ihre Energien reichen nicht aus für forsches oder neugieriges Erkunden. Und so ziehen sie sich sofort nach dem Fressen wieder zurück. Sie müssen mit ihren Energien äußerst sparsam umgehen, um zu überleben. Jedoch haben sie eines ganz besonders mitgekriegt: Sie wissen, wie das Rudelleben funktioniert. Sie kennen die Spielregeln von der Pieke an, was meine Beobachtungen voll und ganz bestätigen. Körpersprache, Mimik, klare innerartliche Kommunikation sind absolute Stärken dieser Hunde. Ich berichtete in meinen ersten Artikeln von der übermäßig ausgeprägten und ungewöhnlich lang andauernden Futteraggression der Schwestern. Onawa vereinnahmte das Futter Pamuyas, was diese ohne Gegenwehr stets zuließ obgleich sie selbst sehr hungrig war.

Und so vergeht die so wichtige und elementare Prägungszeit – weitestgehend ohne direkten Menschenkontakt. Warum sollte nun ein derart vorgeprägter Hund sich vor Freude halb umbringen, nur weil da plötzlich ein paar Tierschützer sind, die diese armen Kreaturen retteten? Nie wurde ihnen gezeigt, wie toll wir Menschen sind oder vielmehr sein KÖNNEN. Warum also sollten sie Wohlgefallen bei menschlicher Annäherung empfinden? Bis dato waren Menschen suspekte Geschöpfe, nichts Wichtiges, Zweibeiner, die man hi und da mal zu Gesicht bekam, die sich ungewöhnlich verhalten.

Eine weitere Rolle bei der Unterschiedlichkeit der Wurfgeschwister (zwei Hunde mit halbwegs normalem Hundeverhalten, vier mit Scheuheit dem Menschen gegenüber) spielt sicherlich auch einerseits die genetischen Anlagen (Wolfshund? Husky-Mix?) und andererseits die in jedem Wurf unterschiedlichen Charaktere. Es gibt in jedem Wurf die unterschiedlichsten Charakteranlagen: Vom Draufgänger und Rüpel zum Ängstlichen und Übervorsichtigen. Es ist die Aufgabe eines jeden Züchters oder bleiben wir bei der Welpennothilfe, einer jeden Pflegestelle, den Draufgänger und Rüpel etwas zu stoppen und den Ängstlichen und Übervorsichtigen zu ermuntern und ihn selbstbewusster und sicherer zu machen. Der Pfleger hat diese überaus verantwortungsvolle und mitunter schwierige Aufgabe, die Charaktere entsprechend zu formen und zu lenken und auf ein gutes „Mittelmaß“ zu bringen, ohne den Hund gewaltsam in seinem Grundcharakter zu verbiegen. Eine große Rolle hierbei spielen natürlich unsere Vorstellungen und Werte von „richtigem Hundeverhalten“, dass in unsere menschliche Gesellschaft passen muss.

Ich möchte behaupten, dass die elementare Befriedigung der Grundbedürfnisse eines Welpen wie Füttern, Pflegehandlungen, Auslauf und Beschäftigung nahezu ein Kinderspiel für „jedermann“ ist. Entscheidend für den weiteren Lebensweg des Hundes ist jedoch, sanft und mit Geschick lenkend in die Charakterformung einzugreifen, sofern es erforderlich ist. Viele Welpen gibt es, die kaum der großen Beeinflussung bedürfen, ich erinnere nur an Welpen wie Obelix Oliver Otto, Gustav, Voldemord, Franka, Erin Brokovich o. ä. Hier gilt es lediglich, vorhandene Talente zu entdecken, Fähigkeiten zu fördern und bereits Vorhandenes auszubauen. Anders verhält es sich jedoch mit „vorgeschädigten“ oder aber traumatisierten Welpen, die keinen so guten Start hatten. Auch Welpen, deren Charaktere zu ungestüm, wild oder fordernd sind oder Jungtiere aus normaler, aber fehlerhafter Aufzucht (zu positiv zähle ich hier übrigens auch dazu, z. B. wenn der Pfleger aus lauter „Welpenliebe“ versäumt, Grenzen zu setzen) bedürfen der Formung.

Glücklicherweise weiß man heute, dass die Prägephase zwar entscheidend ist, aber dennoch Versäumtes wieder „repariert“ werden kann. Im Falle von Pamuya und Onawa wird die Zukunft für mich sehr spannend werden. Werden die großen Fortschritte Bestand haben? Werden sie sich nach beispielsweise einem weiteren Lebensjahr kaum noch von anderen Hunden unterscheiden? – Ich persönlich glaube, dass selbst bei idealsten Vorraussetzungen Reste ihrer Vergangenheit für immer sichtbar sein werden. Möge die scheue Pamuya durchweg nur positive Erfahrungen mit Menschen haben, so wird sie vermutlich dennoch beim Anblick von Fremden immer einen kurzen Moment innehalten.

Claudia Hauer     

7 Kommentare zu “Pamuya & Onawa ./. Mr. Nugget oder Warum nicht alle Welpen eines Wurfes gleich sein müssen”

  1. Heike sagt:

    Ich möchte mich bei Claudia bedanken, dieser Bericht hat mir wirklich die Augen geöffnet.
    Ich habe mich tatsächlich gefragt, warum die drei Wölfchen so unterschiedlich sind.
    Jetzt weiß ich es und natürlich gibt es für alles eine logische Erklärung.

    Also Claudia vielen Dank für die super Info

    LG Heike

  2. Julianna sagt:

    Ich finde diesen Bericht auch sehr interessant und aufschlußreich und spanndend.

    Liebe Grüße
    Julianna

  3. Andreas sagt:

    Ich schreibe nicht oft Kommentare. Aber hier muß es einfach sein. Deshalb, weil ich die Ansicht von Claudia 100%ig teile. Als ich mit Sabine zusammen “unseren” Speicherwelpen bei Claudia abgeholt haben, gebe ich offen zu, dass es mich traurig gemacht hat zu sehen, in welch armen Zustand Pamuya und Onawa gewesen sind. Zugegebener Weise bin ich auch froh gewesen, dass wir mit Mr. (Fischstäbchen) Nugget zu Hause ankamen. Ganz frei von mir nach dem Motto ” Die Hunde, die die meiste Unterstützung benötigen, sollten auch zu den Erfahreneren Menschen” und wußte Pamuya und Onawa bei Claudia noch besser aufgehoben als bei uns.
    Wie Nugget “tickt” haben wir hier zu Hause schnell mitbekommen. Genau wie Claudia beschrieben hat, hat Mr. Nugget auch hier schnell das Kommando übernommen, was die Fressnäpfe angeht.
    Gut, an die alte Dame Ponita wird er sicherlich aus Höflichkeit (hüstel) nicht herangehen, aber Yoyo, sicherlich kein ängstlicher Hund hat sich sehr schnell damit abgefunden, dass Mr.Nugget nun der ist, der hier letztendlich das Sagen hat.
    Alles hat sich relativiert in der Zeit der Pflege von Mr.Nugget. Er ist nicht mehr so darauf erpicht ALLES Fressbare für sich zu vereinnahmen.
    Er hat halt auch dazu gelernt.
    Aber noch einmal: Der Unterschied ist doch eigentlich ganz logisch. Gucken wir doch einfach mal eine Generation zurück. Welche Familie hat in Ihrem “Wurf” denn zwei Kiddys, die gleich sind? Wir definitiv nicht! Und da wird mir immer wieder bewußt, dass auch der Mensch nichts anderes ist als ein Säugetier. Ob Hund oder Mensch. Jeder ist ein selbststndiges Individuum. Und mit den Worten unseres Regierenden: Und das ist auch gut so!
    Das macht die Sache doch so schön und interessant.

    Jetzt muß ich aber weiterarbeiten….

    Andreas

  4. Ilona B. sagt:

    Gleich am Anfang deines Artikels bei der Überlegung, wie Welpen aus einem Wurf so unterschiedlich in ihrer Art und Wesen sein können, schoß mir der Gedanke, daß es ja bei uns Zweibeinern auch nicht anders ist, durch den Kopf. Genau wie mein Vorredner schon bemerkte.Für mich stellt sich eigentlich so eine Frage nie, selbst wenn alle Umstände identisch sind, wird es immer Unterschiede in der Entwicklung und in der Wesensart geben.Der eine verkraftet viel, der andere weniger-ect. Natürlich formt das Umfeld, aber in uns drinn stecken doch unterschiedliche Erbanlagen und eine Seele. Und so werden wir, ob Mensch, ob Tier zu Individien. Und das ist doch gut so.ODER? Dennoch danke für Deinen ausführlichen Artikel.Ilona B.

  5. Susan sagt:

    Es ist wirklich ein sehr gelungener Artikel, der jedem vor Augen führt, dass jeder Hund für sich individuell und einzigartig ist und es sich nicht um eine Maschine handelt, die immer gleich tickt. Ich finde gerade dieses Beispiel (“Speicherwelpen”) macht deutlich, wie wichtig und bedeutsam die Prägephase für jeden Hund ist!!!

    LG, Susan

  6. Sabine sagt:

    …und ich übertreibe nicht, zu sagen, wie froh ich bin, es so einfach zu haben.

    Einfach ist einfach leichter. Die komplizierten Dinge sollten definitiv nur von echten Fachleuten angepackt werden und @ Claudia, dass ist nun wahrlich eine Huldigung an deine Person. Schade nur, dass ich mich so klein dabei fühle.

    Sabine

  7. Claudia sagt:

    Hallo Sabine, Sinn des Artikels war nicht der Unterschied zwischen “einfach” und “schwer” aufzuzeigen. Ich denke, dass weißt Du auch. Es geht nicht um “klein” und “groß”, sondern um DAS Ziel.

    Du solltest Dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Du bist eine hervorragende Pflegestelle und ich schätze Dich für Deine relaxte und sehr natürliche Kompetenz im Umgang mit Hunden. Und für Deinen Humor. Und für die schönen Berichte.

    Eine “Huldigung” möchte ich keinesfalls. Ich empfinde dies als absolut unangemessen und überzogen. Wie jeder andere auch mache ich nur meinen “ehrenamtlichen Job”. Dass ich die Speicher-Welpen persönlich pflege, war ja völlig ungeplant und kam dadurch zustande, dass kurzfristig und spontan die eigentlichen Pflegestellen abgesprungen waren. Niemand sollte irgendwen “huldigen”. Wir, die wir ein Ziel gemeinsam haben, sollten voneinander profitieren, in allen Bereichen, die für die Zielerreichung wichtig sind. Gegenseitiges Helfen, Mutmachen, Motivieren, Tränen trocken helfen, Verzweiflung und Ratlosigkeit mindern, Verständnis und Toleranz für Schwächen haben ist viel, viel mehr Wert als jemanden zu huldigen.

    LG Claudia

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