Aus Osterhasi wird (fast) ein Feldhase ;-)
Erstellt von Claudia am 24. Mai 2010
Ganz pünktlich sind wir heute in aller Frühe mit (Oster-) Hasi losgefahren, um zur Wildtierhilfe Lüneburg zu fahren. Dem Ort, an dem Hasi sich auf ein Leben in Freiheit vorbereiten kann.
Schon der Morgen zeigte sich anders als gewöhnlich, denn Hasi war nicht wie üblich in seinem Ställchen. Ich rief, schüttelte die Flasche, aber er ließ sich nicht blicken. Erst nach reichlich Suchen wurde ich fündig: Hasi hatte sich in seiner Hasenburg versteckt. Ich lockte ihn raus und es gelang mir, ihn quer durch das Gehege zu locken und ihn in den unteren Teil seines Stall-Auslaufes zu sperren. Er liess sich dann jedoch kaum noch überreden, in den oberen Teil seines Stalles zu kommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass er etwas ahnte. Da Menschen bekanntermaßen dann doch intelligenter sind als Feldhasen, konnte ich das unwillige Hasenmädchen überlisten und letzten Endes in die bekannte Transportkiste verfrachten. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, meinen Pflegling ein letztes Mal zu wiegen. 1,4 kg wog Hasi! Was für ein Traumgewicht!
Die Fahrt verlief ruhig und meine anfänglichen Sorgen, Hasi könne so gestresst sein, dass er kolabiert, waren unbegründet. Es sollen ja schon Hasen während der Autofahrt zum Auswildern gestorben sein. Hasen sind ja sehr stressempfindlich.
Bei der Wildtierhilfe angekommen, nahm uns eine sehr freundliche Mitarbeiterin in Empfang und zeigte uns das Feldhasen-Gehege. Genauso habe ich es mir vorgestellt und erhofft für "meinen" Hasi, der nun bald ein richtiger Feldhase wird. Nur zwei wesentlich kleinere Artgenossen leben zur Zeit in dem Gehege, so dass ich mir auch zum Thema "Übervölkerung" oder gar "Platzmangel" keinerlei Sorgen machen musste. 2000 qm Fläche hat das Gehege.
Als ich Hasi rausließ, dachte er nicht dran, sofort loszuhoppeln, sondern er gestattete mir einen liebevollen Abschied. Die Pflegerin meinte, dass dies schon eher ungewöhnlich wäre. Ich erzählte ihr von meinem Dilemma mit der mangelnden Scheuheit trotz strenger Isolation während der ersten vier Lebenswochen. Sie tröstete mich, in dem sie berichtete, dass es schon hin und wieder solche kleinen "Außenseiter" gäbe, die aus der Reihe tanzen. Irgendwann hoppelte Feldhasi dann los und versteckte sich unter einem Steinversteck. Mit Hilfe von Kameras, die fest installiert sind, können die Pfleger auch nachts das Gelände überwachen, so erzählte mir die Betreuerin, was mich weiter beruhigte.
Ich sagte "Tschüss" zu meinem inzwischen groß gewordenen Pflegling und besichtigte ausführlich die komplette Station und konnte schlußendlich mit einem hervorragenden Gefühl wieder die Heimkehr antreten. Genau hier konnte ich meinen liebgewordenen Hasen entlassen.
Dieser Hase hat mir enorm viel gegeben. Nicht nur, dass es die erste Feldhasenaufzucht war und ich entgegen der im Internet verbreiteten Behauptung, die Feldhasenaufzucht wäre so enorm schwierig, nicht bestätigen kann, sondern es war einfach eine ganz neue Erfahrung mit ganz neuen Überlegungen, Herangehensweisen und Aufgabenstellungen. Jederzeit wieder würde ich eine Feldhasenaufzucht übernehmen.
Mein Hasi hat mir deutlich gemacht, was ich so viele Jahre vernachlässigt habe: Mich auf einem Gebiet der Wissensaneignung weiterzuentwickeln. Ich erinnerte mich, dass ich Zeit meines Lebens mit der Aufzucht so vieler verschiedener Spezies (Tauben, Spatz und Meise, Papageien, Prachtfinken, Steinmarder, Hunde, Katzen ….) konfrontiert war und wieviel Freude ich hatte, mir Wissen zu den jeweils verschiedenen Tierarten und Lebensweisen anzueignen. Ich habe bemerkt, wie sehr mir dies fehlt. Sicherlich, so mögen einige entgegnen, habe ich mir dafür enorme Kenntnisse in der Handaufzucht von Hunden und Katzen angeeignet, aber dennoch war es für mich ein Stehenbleiben und Verharren. Mutig werde ich fortan auch "fremde" Tiere zur Handaufzucht annehmen, einfach um meinen Wissenshorizont zu erweitern. Dies natürlich nur, wenn kein gesondertes Expertenwissen (wie z. B. bei Raubvögeln) dafür benötigt wird und die Handaufzucht kein Tier in Gefahr brächte.
Es gibt keinen lähmenderen Irrtum als den, eine Zwischenstation für das Ziel zu halten, und an einem Rastplatz zu lange zu verweilen.
Sri Aurobindo
Auch war Hasi eine besondere Bereicherung für meine Hunde. Josephine hat neben dem vorausgegangenen Anti-Jagdtraining mit Ankunft des Hasis keinerlei Jagdambitionen mehr. Auch von Pamuya kann ich berichten, dass sie zwar schon Ambitionen hätte, aber diese nun hervorragend kontrollierbar sind und sie gelernt hat, beim Anblick eines Wildtieres nicht einfach mich und ihre Umwelt auszuschalten. Auch Luna hat gelernt, sich zu beherrschen, wenn auch nach wie vor sabbernd und zitternd angesichts des Hasen, der unbedarft nur einen Schritt neben ihr umherlief. Sie ist zumindest ansprechbar und abrufbar geworden
Meine Kinder haben gelernt, dass nicht jedes Pflegetier zum Schmusen bei uns ist, auch wenn Franzi schon dann und wann allzugerne mal mit einem Feldhasen gekuschelt hätte. Sie hat sich brav beherrscht. Und zu guter Letzt hat mein Mann mal wieder die Erfahrung gemacht, dass seine Frau doch immer wieder neue Überraschungen parat hat
Danke an alle, die mich unterstützt haben, insbesondere seelisch und moralisch. Und besonderen Dank gilt jenen, die mir stets die Wahl ließen, zu tun, was ich tun möchte und mich nicht unter Druck setzten, als es darum ging, zu entscheiden, was das Beste und Vernünftigste für meinen Feldhasen war.
Ganz lieben Dank natürlich auch an die Wildtierhilfe Lüneburg, die es mir so leicht machten, Abschied nehmen zu können.
Also liebe Leute: Feldhasi weg – Projekt abgeschlossen. Möge alsbald ein Neues kommen!
Eure Claudia Hauer
Bild unten: Feldhasen-Gehege
Unter diesen Steinplatten hatte sich Hasi dann versteckt
und ein letztes Bussi
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